Ehrenwerte Beamte und lockere Lotterweiber

Erschienen in der Rhein-Zeitung am 08.03.2010 Neuwied

“Weekend im Paradies”: Premiere des neuen Stückes der Theatergruppe in der Verbandsgemeinde Rengsdorf – Komödie bietet drei Stunden Kurzweil

Es war ein Feuerwerk an Phantasie, das die Theatergruppe Rengsdorf abbrannte – so lautet der erste Satz in der RZ zum ersten Stück (Cats) der Theatergruppe in der Verbandsgemeinde Rengsdorf. Wir könnten ihn heute bedenkenlos wieder schreiben.

BONEFELD. Wie läuft Ihre Karriere? Schon länger nicht mehr befördert worden? Da kann eine Auszeit Wunder wirken. “Weekend im Paradies” lautet das Zauberwort, das zumindest auf der Bühne im Historischen Deichwiesenhof in Bonefeld bestens funktioniert hat. Hier jagten die Mimen der Theatergruppe in der Verbandsgemeinde Rengsdorf unter der Regie von Frank Reinhard und Peter Kahr eine ehrenwerte Beamtenmannschaft der 30er-Jahre durch ein wildes Wochenende voller liebestoller Bürohengste und lockerer Lotterweiber und wieder zurück in die biedere Amtsstube.

Lustig und kurzweilig muss es sein, aber auch ein bisschen bissig: Nach diesem Muster suchen die Rengsdorfer Mimen schon immer ihre Stücke aus – und das seit mittlerweile 25 Jahren. Der harte Kern der Truppe spielt schon seit 1985 zusammen. Da passt auch das “Weekend im Paradies” voll ins Schema, wenn der geplagte Regierungsrat Dittchen sich damit abfinden muss, mal wieder zugunsten des Minister-Neffen bei der Beförderung übergangen worden zu sein. “Initiative zeigen!”, rät ihm sein Vorgesetzter. Und wo geht das besser als im “Hotel Paradies” am Schnakensee vor den Toren Berlins, wo die Moral bei weitem nicht so eng wie die Badekleidchen der Damen gesteckt ist?

Der Schuppen muss dicht gemacht werden, beschließt Dittchen und hat keine Ahnung, dass er seine ehrenwerten Kollegen nebst manch alter Bekanntschaft in der Lotterbude wiedertreffen wird – inklusive der eigenen Gattin.

Mit guten drei Stunden Spielzeit haben sich Rengsdorfer Theatermacher zwar ein langes, aber keineswegs langweiliges Stück vorgenommen. Nahezu jeder aus Truppe wird auf der Bühne gebraucht – das alleine ist schon eine Herausforderung. Aus Terminnöten mussten einige Rollen nämlich mehrfach besetzt werden.

Hinzu kommen etliche Kleinigkeiten, die “Weekend im Paradies” für die Zuschauer zu einem echten Vergnügen machen. Keine Figur, und sei ihr Auftritt noch zu kurz, bleibt ohne liebenswerte Schrulle, ohne passendes Kostüm oder skurrile Requisite von der Kakadu-Nase bis zum Glitzer-Fransenkleidchen der Damen. Auch das Bühnenbild ist liebevoll gestaltet bis ins kleinste Detail: In der Telefonkabine des “Hotel Paradies” hängen sogar Teile des allerersten Bonefelder Telefons aus dem Jahr 1908. Und so wird es zum echten Spaß, dem armen Regierungsrat Dittchen dabei zuzusehen, wie er die schnöseligen Kollegen zuerst genüsslich auflaufen lässt, während seine lahmende Karriere dann überraschend schnell an Fahrt aufnimmt. “Sogar der anständigste Mensch”, so sinniert er zwischendurch durchaus modern, “muss ein kleiner Schieber sein, wenn er im Leben weiterkommen will.”

Wer die Premiere verpasst hat, muss sich nicht grämen: Insgesamt hat die Rengsdorfer Theatergruppe satte 14 Aufführungstermine angesetzt, um die Zuschauer ins Wochenendparadies zu schicken. Für die Hobby-Mimen ist das fast schon wenig, über 20 Termine pro Spielzeit sind keine Seltenheit. Und mittlerweile gelten die späteren Termine in Bonefeld fast schon als kleiner Geheimtipp, wenn sich die Schauspieler mehr und mehr kleine Improvisationen erlauben. Aber auch ganz pur hat die Truppe bewiesen, dass ein Beamtenleben nicht nur aus drögem Schreibtischdasein besteht – zumindest nicht auf der Bühne im Deichwiesenhof.

Angela Göbler